Vorbereitungen: Zentralamerika mit dem Drahtesel

Wie bereitet man sich eigentlich auf eine Fahrradtour von Mexico nach Costa Rica vor? Fangen wir mal ganz von vorn an:
 
„Wollt ihr das wirklich machen?“, fragt meine Bekannte mit hochgezogenen Augenbrauchen.
Sie ist nicht die erste. Seit Patrick und ich uns an einem Abend zu Hause im Zirkuswagen relativ spontan zu dieser Reise entschlossen haben, werden wir immer wieder skeptisch gelöchert. Seid ihr sicher, dass das eine gute Idee ist? Wisst ihr eigentlich, dass Zentralamerika für Raubüberfälle bekannt ist? Wollt ihr nicht doch lieber mit dem Bus fahren und in Hostels schlafen?
Seit meine Schwester in Costa Rica lebt, suche ich nach Möglichkeiten, einen Besuch bei ihr mit einer Reise zu verbinden. Einfach mit dem Rucksack durch Hostels tingeln, Sangria saufen und mir Sehenswürdigkeiten anschauen, die ihre Authentizität schon lange an ihren Vermarktungswert verloren haben, möchte ich aber nicht. Patrick auch nicht. Vor ein paar Jahren sind Patrick und ich gemeinsam mit dem Fahrrad nach Istanbul gefahren – bis heute eine der schönsten Reisen unseres Lebens. Außerdem möchten wir meine Schwester in Costa Rica besuchen. Dass Mexiko der Start unserer Reise wird, ist schlussendlich reiner Zufall. Der Flug war gerade günstig und laut Google Maps fahren wir von Cancun nach Jacó etwa 2.000 Kilometer. Somit steht die Route fest:
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Mexiko

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Belize

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Guatemala

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El Salvador

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Honduras

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Nicaragua

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Costa Rica

Sieben Länder, ein Monat, 2.000 Kilometer.

Insgesamt nehmen wir uns zwei Monate Zeit, denn wir möchten meiner Schwester im Anschluss an unsere Tour mit ihrem Bikini Geschäft in Costa Rica helfen.

Im Allgäu finden wir ein älteres Ehepaar, das auf E-Bike umgestiegen ist und uns zwei fast unbenutzte Tourenräder eines älteren Semesters für je 200€ überlässt. Perfekt. Als nächstes telefonieren wir Freunde und Familie ab und leihen uns zwei komplette Sets wasserdichter Fahrradtaschen zusammen. Fahrradbeleuchtung, Ersatzschläuche und neue Bremszüge kaufen wir dann doch selbst. Patrick schenkt mir eine große blau-rote Fahrradklingel, damit uns beiden auch bloß nichts mehr im Weg rumsteht.

Als nächstes geht es an die genaue Routenplanung. Einmal auf Google Maps zu schauen, wo denn überhaupt genau Mexiko liegt und wie wir von dort Luftlinie zu meiner Schwester kommen, ist wohl ein wenig zu sparsam geplant.
Wir schauen uns Höhenprofile an, lesen uns zu Grenzübertritten, Einreisegebühren und Visum ein und entscheiden uns für einen kleinen Umweg durch El Salvador, um die Strecke abwechslungsreicher zu gestalten.
Irgendwie stehen Patrick und ich auf Kartenromantik und so können wir uns vor allem aus Stilfragen nicht dazu durchringen, mit dem Handy zu navigieren. Außerdem möchten wir nicht in jedem Land eine Internetkarte kaufen, sondern ruhig eine „Digital Detox-Tour“ genießen, auf der es eben nur Internet gibt, wenn wir irgendwo ein offenes Wlan ausfindig gemacht haben. Das Reisen hat sich sehr verändert in den letzten Jahren und ich höre immer öfter von Reisenden, wie einfach es sei, überall mobiles Internet zu haben, das nächste RB&B unterwegs im Taxi zu buchen, oder direkt vor dem Taj Mahal mit der besten Freundin zu Skypen. Auch wenn das alles hilft, wir entscheiden uns ganz bewusst dagegen.

 

In einem Spezialgeschäft für Karten aller Art werden wir fündig – oder auch nicht. In dem Maßstab, wie er für eine Radtour hilfreich wäre, finden wir nichts. So müssen wir uns mit 1:300.000 begnügen – nicht gerade Luxus. Hätten wir aber gewusst, dass wir unterwegs ohnehin fast ausnahmslos auf großen Highways fahren müssen, weil es in Mittelamerika nur sehr wenige Feld- und Radwege gibt, hätten wir uns tatsächlich einfach mit einer ausgedruckten Übersicht von Google Maps begnügt.

Eine Freundin, die selbst gerne und abenteuerlich reist, empfiehlt uns „IOverlander“, eine App, die auch offline nutzbar ist. Für unseren Einstieg ins 21. Jahrhundert der Reisewelt klingt das super. In dieser App können Wohnmobilisten, Radfahrer, Motorradfahrer und Wanderer ihre Übernachtungsplätze mit anderen Reisenden teilen. Ein nettes Plätzchen am See oder die Übernachtung im Garten eines vegetarischen Restaurants sind dort von anderen Abenteurern genauso eingetragen, wie Badestellen, Wasserfälle, Gastankstellen, Supermärkte, Grenzübergänge, Polizeikontrollen und Gefahrenhinweise. Neben „IOverlander“ entdecken wir auch noch „Komood“, eine etwas bekanntere App, mit deren Hilfe man ganz einfach Abschnitte planen und Höhenprofile miteinbeziehen kann. Was die Navigation anbelangt, sind wir also ebenfalls bestens ausgerüstet.
Bevor es dann aber richtig losgehen kann, müssen wir noch den Transport unserer Fahrräder und all der Packtaschen mit samt dem Zelt, den Schlafsäcken, Küchenutensilien, Ersatzteile, Reiseapotheke, Klamotten und Kamera organisieren. Patrick hat herausgefunden, dass man im Flugzeug keinen Benzinkocher mitführen darf. Dass wir dort drüben mit Sicherheit keine Gaskartusche finden werden, die zu unserem Aufsatz passt, ist ohnehin eine klare Sache. Also entscheiden wir uns für ein Spiritustöpfchen, denn Spiritus gibt es doch überall auf der Welt – oder?
Patrick nimmt Vorschriften manchmal nicht so ernst. Die Maße und Gewichtsangaben pro Fahrrad sind von der Fluggesellschaft großzügig bemessen. So großzügig, dass wir es schaffen könnten, zwei Räder in einen Karton zu stecken… Das ergäbe eine Ersparnis von 80€ und somit die Kosten für etwa eine Woche Radtour.
Nach drei Stunden und zwei Fahrrädern in ihren letzten Einzelteilen, geben wir auf. Keine Chance. Mit neuen modernen Tourenrädern halte ich es tatsächlich für möglich, aber mit unseren gebrauchten und etwas in die Jahre gekommenen Drahteseln wird das nix. So bekommt nun eben jedes Fahrrad ein eigenes maßgeschneidertes Pappkartonhäuschen mit ganz viel Klebeband.
Eine Fahrradtasche nimmt jeder von uns als Handgepäck ins Flugzeug. Die restlichen Fahrradtaschen schnüren wir jeweils im Dreierpack zusammen, stopfen sie in eine Große IKEA und eine ebenso große Möbel Braun Tüte von meiner Oma, und binden alles fest zusammen. Fertig. Unser Abenteuer kann losgehen.
 
Patrick packt eine Rolle Bargeld in die Lenkstange. So können wir Geld tauschen, falls nichts anderes mehr geht. Außerdem haben wir eine Kreditkarte für Abhebungen dabei, die ihren festen Platz in Patricks kurzer Zimmererhose finden wird. Ja, genau, die Fahrradtour macht er in Zimmererhose. Ist doch klar.
Auch mein Vater steuert einen großen finanziellen Teil zu unserer Reise bei. Seine Frau ist Venezolanerin und gemeinsam leben sie jedes Jahr mehrere Monate in Venezuela. Aufgrund von politischen Fehlentscheidungen versinkt Venezuela seit ein paar Jahren im Chaos. Nichts hat mehr einen Wert – dafür ist alles günstig. Wenn die beiden nach Venezuela zur Familie von Marisol reisen, nimmt mein Vater Bargeld mit. Etwa 3.000 Dollar für vier Monate. Alles in 1$ Noten. Anders kommen die beiden dort drüben nur schwer an Geld. So kommt es also, dass mein Vater immer mit einem Koffer voller Geld ins Flugzeug steigt und Patrick und ich dieses Mal mit drei großen Bündeln von jeweils 100$ loslegen. Im Notfall kommt man mit dem Dollar überall durch, auch wenn jedes Land in Zentralamerika eine eigene Währung hat.
Mitte November 2019 geht es dann endlich los. Auf nach Zentralamerika, wo laut einiger Medien hinter jeder Ecke Banditen, Mörder und Bösewichte lauern. Zentralamerika, wo die Straßen schlecht sind und die Autofahrer betrunken. Zentralamerika, wo man niemandem trauen kann. Zentralamerika, wo gerade das Dengue Fieber ausgebrochen ist und wo man sich ganz schnell eine Lebensmittelvergiftung einfängt. Zentralamerika, wo man nicht individuell reisen sollte, wenn man, wie wir, fast kein Spanisch spricht.
Wir werden es sehen. Wir werden es hören, riechen und schmecken. Kommst du mit auf unsere Reise? In meinen nächsten Blogartikeln geht es los. Auf nach Mexiko.