Feuer und Flamme – Unser Zirkuswagen hat gebrannt

Manchmal passieren Dinge. Unerwartete Dinge. Dinge, die unsere Lebensumstände völlig verändern. Wenn große Veränderungen plötzlich eintreffen, verändert sich mit den neuen Umständen auch unser Blick auf das eigene Leben. Vielleicht sogar auf die Welt. Eine solche Veränderung ist vor einigen Tagen in Patricks und mein Leben gekommen: Unser Zirkuswagen ist bis zu Hälfte abgebrannt. Großeinsatz der Feuerwehr, ein Schaden im mehrfachen tausendstelligen Bereich und vor Allem eins: Unser Zuhause ist dahin.

In den ersten Tagen hatte sich die Welt angefühlt, wie in Watte gepackt. Es war schwer, all das zu greifen. Zu verarbeiten. All die Monate, all die Liebe, all das Geld, das wir in den Bau unseres fast perfekten Zuhauses gesteckt hatten. All das war einfach weggepustet. Es war nicht „wie weggepustet“, nein, es war wirklich und tatsächlich weggepustet. Weggepustet in Form von Asche im Wind, in Form von Flammen und Rauch. Den Brand hatten vermutlich glühende Aschereste eines Lagerfeuers ausgelöst, die vom Wind zu unserem Wagen getragen worden waren. Patrick und ich waren nicht einmal Zuhause gewesen.

Ich habe natürlich versucht zu analysieren, was das mit uns und unserem Leben zu tun haben soll. Ob es mit dem Schicksal, einem Wink mit dem Zaunpfahl des Universums oder meinem überquellenden Karmakonto zu tun hätte. Aber ich fand nichts, das dieses Ereignis hätte erklären können.

Natürlich passiert das hin und wieder. Häuser, Wagen, Fabriken, Existenzen brennen ab, gehen Pleite, explodieren. Wie auch immer. Aber wir? Warum war unser Wagen abgebrannt? Ich hatte mir andere Dramen für mein Leben ausgemalt. Etwa, dass das mit dem Bücherschreiben nicht funktionieren würde und ich mich irgendwo anstellen lassen müsste, wo ich nie hatte hinwollen. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir eines Tages eine Fehlinvestition tätigen würden, die uns finanziell das Genick brechen könnte. Dass ich mit unserem Oldtimerbus einen sündhaft teuren Porsche rammen würde und der Fahrer mich mit Hilfe seines zähnefletschenden Anwaltes verklagen und hinter Gitter bringen würde. Dass ich auf Reisen doch einmal an die falschen Leute geraten würde… Aber nichts davon ist eingetreten. Nein. Stattdessen brennt unser Zuhause ab. Wie um alles in der Welt passt das nun zu unserem Leben?

Am Ende ist es egal. Am Ende zählt nur das Handeln. Das Aufräumen, Wiederaufbauen, das Neubeschaffen der verlorengegangenen Daten auf dem PC. Am Ende zählen all die Menschen, die uns ihre Hilfe anbieten, für uns da sind und uns tragen, um all das zu meistern. Am Ende zählt das eine Gefühl. Das eine Gefühl, das überwiegt: Dankbarkeit. Wir fühlen Dankbarkeit darüber, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Dankbarkeit gegenüber den Menschen um uns herum. Dankbarkeit gegenüber jeder kleinen Sache, die nicht den Flammen zum Opfer gefallen ist. Jetzt, ein paar Tage nach dem Brand, sehe ich eine Chance in dieser Art Dingen, die passieren. Die jedem passieren können. Jederzeit. Heute noch. Morgen. Nächstes Jahr. Alles, was bisher normal und selbstverständlich schien, kann mit einem Mal weg sein. Einfach weg. Das ist kein Grund zur Panik. Das ist auch keine schlechte Nachricht. Es ist ganz einfach der Grund, warum wir jeden Tag dankbar sein dürfen für alles, was wir haben, was wir in freudvollen und neutralen Momenten erleben dürfen.

In den letzten Monaten habe ich öfter über das Thema Dankbarkeit nachgedacht. Habe von mir verlangt, jeden Tag für eine Sache oder am besten gleich fünf Dinge gleichzeitig dankbar zu sein. Rational weiß ich, dass das wichtig ist. Dass das scheinbar glücklich macht. Dankbarkeit ist wichtig für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Ich weiß das. Ich weiß, dass wir privilegierte weiße Europäer aus guten Häusern sind. Dass wir mehr Chancen haben als ein Großteil der Weltbevölkerung. Dass wir Glück haben, hier auf dem Hof von Patricks Eltern wohnen zu dürfen, in der Natur zu sein, genug zu essen zu haben, genügend Geld zu verdienen, dass wir uns haben. Ich weiß das. Seit dem Brand spüre ich diese große Selbstverständlichkeit jedoch nicht mehr in alle dem. Ich spüre auch keine Verlustangst oder die Angst vor dem, was als nächstes kommen könnte. Nein. Ich spüre endlich echte Dankbarkeit für unser Leben, in dem nichts selbstverständlich ist. In dem jeder schöne Tag, jeder kleine Erfolg, jeder winzige positive Moment ein Geschenk ist.

Ich weiß, dass dieses Gefühl nicht für immer anhalten wird und dass ich schneller, viel schneller als ich das selbst eigentlich möchte, zurück verfallen werde in die Selbstverständlichkeiten des Alltags. Aber ich durfte einen Schritt aus dem Wissen hin zum Erfahren, zum Fühlen machen. Ich habe echte Dankbarkeit für mein Leben, für das meiner Mitmenschen und all die Geschenke auf meinem Lebensweg erfahren. Dafür bin ich dankbar.

Wir werden wiederaufbauen, sobald wir die Baufreigabe von den Behörden erhalten. Schließlich ist dieser Wagen unser Zuhause. Zum Wiederaufbau halte ich euch hier natürlich auf dem Laufenden. Vielleicht wird unser kleines bescheidenes Haus auf Rädern dann sogar einen ganzen Meter länger. Was meint ihr?