Warum Ängste keine guten Ratgeber sind 

Ängste gibt es viele. Angst vor Mäusen, Angst vor dem Zahnarzt oder Prüfungsängste. Wir haben Angst im Dunkeln oder in der Höhe, aber eines haben all diese Ängste gemeinsam. Sie sind fiktiv. Wir haben im Grunde Angst vor dem, was wir uns selbst einreden. In einer akuten Gefahrensituation haben wir nämlich meist gar keine Zeit mehr für Angst.

Angst im Dunkeln zum Beispiel. Die kenne ich sehr gut aus meiner Kindheit. Im Winter auf dem Schulweg zu Fuß. Spätestens an der kleinen Brücke am Bach, die im Tageslicht so schön romantisch, einladend, ja beinahe futuristisch wirkt, waren meine Knie weich geworden.

Also nahm ich oft einen großen Umweg durch dunkle Felder, um nicht über die Brücke laufen zu müssen unter der in meinen Alpträumen außerirdische Aliens hausten. Ich hatte also nie Angst IM Dunkeln, sondern Angst VOR den Aliens unter der Brücke, die ich ja noch nie wirklich gesehen hatte.

Die Umwege in meinem Leben

Nicht nur in meiner Kindheit habe ich riesige Umwege in Kauf genommen, um Situationen zu vermeiden, die Unbehagen in mir auslösen. Mein Leben lang habe ich Dinge getan oder nicht getan, weil es unbegründete Ängste in meinem Kopf gab, die mich dazu gedrängt haben, anders zu handeln, als ich das im Herzen gerne getan hätte. Mein Studium zum Beispiel. Das hatte ich damals einzig und allein aus dem Grund angefangen und durchgezogen, weil ich und einige andere Menschen mir eingeredet hatten, es wäre nötig, um überhaupt Anerkennung in der Gesellschaft zu finden.

 

 

Es hat seitdem nie mehr irgendwen interessiert, dass ich einen Bachelor habe. Eigentlich war mir schon immer klar, dass ich einmal selbstständig sein würde und da hätte sich eine Ausbildung, die mich wirklich interessiert, mehr gelohnt. Dank dieser Erfahrung habe ich heute aber gelernt, dass es nichts bringt, wenn ich mich selbst belüge, wenn ich aus Angst handle.

Ängste sind absolute Individualisten.

Eine Selbstständigkeit anzumelden war aber auch für mich ein großer Schritt. Nicht, weil das bedeutet, dass ich die nächsten Jahre ein unsicheres Einkommen haben werde, oder meinen sicheren Job kündigen muss (den ich nie hatte), sondern einfach und allein aus dem Grund, dass ich eine Steuererklärung machen muss. Zahlen. Rechnungen schreiben und beim Finanzamt einreichen. Der blanke Horror. Die Vorstellung, mich eine Weile lang nur noch von Wasser und Brot zu ernähren, weil ich kein Geld hätte für mehr, wäre hingegen halb so wild.

Irgendwie geht es schon weiter und ich finde eine Lösung. Bei Zahlen, Finanzämtern und BeamtInnen, gibt es aber keinen Raum für unkonventionelle Lösungen. Da gibt es klare Regeln und die sind Gesetz. Punkt. Ich sags ja. Der Horror. Heute bin ich aber trotzdem selbstständig, reiche jedes Jahr brav meine Steuererklärung ein, wenn auch unter diversen Schweißausbrüchen, und überquere wieder Brücken in der Dunkelheit. Ich bin mutiger geworden.

Über Mut

Mut bedeutet im ersten Schritt zu verstehen, was Angst ist: Ein Hirngespinst. Nichts weiter als die eigenen Gedanken, die wir nicht unter Kontrolle haben und die wir viel zu ernst nehmen. Wir glauben und wirklich selbst, dass uns keiner mögen wird. Dass wir nie zu Geld kommen werden. Dass wir nie eine glückliche Beziehung führen werden. Dass unsere Visionen nicht wahr werden. Und solange wir dieser Art Gedanken zuhören, dürfen wir uns auch darauf verlassen, dass es so kommen wird.
Als ich das verstanden habe, konnte ich damit beginnen, meine eigenen Gedanken aktiv zu beobachten und aktiv „wegzuhören“, wenn ich mir selbst negativen Mist einredete. Natürlich haben diese Ängste ihre Berechtigung, denn meist haben wir wirklich in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit unseren Angstthemen gemacht. Wer sagt uns aber, dass es beim nächsten Mal wieder so sein wird?
Mut bedeutet im zweiten Schritt Angriff. Für mich bedeutete das, mich im Dunkeln endlich vorzuwagen und mir ganz laut selbst zu sagen, dass es keine Aliens gibt. Es bedeutete, dass ich mir erklären ließ, wie man seine Steuer macht, mir aktiv Hilfe holte und mich jeden Tag Schritt für Schritt vorwage.

Das Leben wird leichter, wenn unsere Umwege kleiner werden, weil wir Spaß daran finden, unsere Ängste aktiv und bewusst anzugreifen.